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Mediale Politik


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Da geschieht etwas nahezu Unfassbares, und nach einer Schrecksekunde beginnt ein Mechanismus zu rattern, – Rädchen für Rädchen – der sehr greifbar sowie alltäglich ist: die Selbstinszenierung von Politik in den Zeiten einer Katastrophe.

Als Redakteur ist man sich der Unanständigkeit bohrender Reporterfragen, blitzender Fotoapparate und offener Mikrofone sehr wohl bewusst. Doch die Symbiose von Politikern und Medien wird als gesetzlich garantiertes Recht der Öffentlichkeit auf Information dargestellt. Das stimmt – zum einen. Zum anderen ist es aber scheinheilig, denn es ist genau diese Form von Voyeurismus, der erst Auflagenzahlen und hohe Einschaltquoten bringt.

Alle stürmen nach Erfurt

Die Morde von Erfurt sollten Nachdenklichkeit und Zurückhaltung auslösen. Das wäre die richtige Reaktion. Aber mediale Politik sieht anders aus. Alle stürmen sie nach Erfurt: Guido Westerwelle, Gerhard Schröder, Edmund Stoiber und Joschka Fischer. Jeder zeigt sich am Ort des Grauens, so wie nach dem 11. September am Ground Zero in New York.

Und alle geben sie zu bedenken, schlagen vor, fordern und wissen besser. Was soll dieser hektische Unsinn der Selbstdarstellung? Ist es eine Form politischer Hilflosigkeit, zur Schau gestellt mit großem Bimborium vor dem Tross der Journalisten? Trägt das Wahljahr 2002 sein Scherflein mit dazu bei? Solidarität mit Opfern und Nahestehenden kann der steinerne Blick in die Fernsehkameras zwar suggerieren, glaubhaft wirkt er allemal nicht.

Das gehört sich nicht

Dass einer wie Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel den Parteienstreit über die Schranken der Gewalt nicht vor der Trauerfeier führen möchte, ehrt ihn. Seine rheinland-pfälzischen und bayerischen Kollegen Beck und Stoiber ficht dieses Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer nicht an. Nach Schema F und Wahlprogamm X versucht ein jeder politisches Kapital aus dem Schrecklichen zu schlagen. Das gehört sich einfach nicht. Das ist unanständig, unseriös.

Ebenso wie die vorschnellen Erklärungsversuche für die Bluttaten. Massenmorde dieser Art sind an Einzelpersonen geknüpft. Politik sollte diese Erkenntnis der Psychologie schlicht zur Kenntnis nehmen und schweigen. Dies wäre eine ungewohnte aber heilsame Konsequenz aus dem Erfurter Amoklauf. Wer freilich lautstark dem Bürger und Wähler Tatendrang durch Aktionismus vermitteln will, handelt nach dem klassischen Programm des nachkatastrophalen Mechanismus. Und damit wäre Erfurt ein Ereignis, aus dem niemand etwas gelernt hätte.

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